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In Gold getaucht

Autorenbild: Janek Kretschmann
Janek Kretschmann
13. Sept.
6 Min. Lesezeit

...Das erste Licht des Tages legte sich wie goldene Tücher über Berg und Tal. Eine Szenerie, von Künstlerhand geformt. Und wir sind Teil dieses Kunstwerks. Ein tiefer Friede erfüllte mich.


Close-up view of a photo editing software interface showing various editing tools

Es war noch dunkel, als ich an diesem Morgen aufstand, und durch das gekippte Fenster im Schlafzimmer hörte ich nichts ausser dem Läuten der Kuhglocken; ein so sanftes und beruhigendes Geräusch, das ebenso zur Heimat gehört wie der Duft der Wildblumen vor unserem Haus. Ich stand auf, ging mit leisen Schritten über das Parkett, um meine Frau nicht zu wecken, und begann die Vorbereitungen für diesen Fotomorgen. Nach einer kurzen Katzenwäsche, einem Glas Leitungswasser und einem kleinen Snack konnte es auch schon losgehen. Noch kurz die Ausrüstung überprüft, machte ich mich auf zum Auto und gab mein Ziel in das Navi ein: "Wandergebiet Unterschächen".


Bereits am Vortag suchte ich mir eine aussichtsreiche Route, beginnend vom "Hotel Klausenpass", entlang des "Balmer Grätli" hin zum "Ruosalper Seeli". Auf der Fahrt entlang des Vierwaldstätter Sees, der noch im Schatten der Nacht verborgen lag, fühlten sich meine Augenlider schwer an, fast so, als würde der Schlaf der vergangenen Nacht immer noch an ihnen hängen. Mein Weg führte mich durch die idyllischen Gemeinden Altdorf, Bürgelen und Spiringen und schließlich in Richtung Klausenpass. Hier begann der spektakulärste Teil der Fahrt. Vorbei an schroffen Felswänden und entlang schmaler Passagen konnte ich immer wieder einen Blick auf die umliegende Urner Bergwelt erhaschen. Mein Herz schlug nun höher und eine kindliche Vorfreude auf diese Wanderung und die damit verbundenen Erlebnisse machte sich breit. Ich konnte nicht anders, als ein Lächeln über meine Lippen kommen zu lassen und einfach aus tiefstem Herzen dankbar zu sein.


Als ich schließlich am Parkplatz angekommen war, das Brummen des Motors verstummte und ich den ersten Schritt aus meinem Auto machte, waren das vertraute Läuten der Kuhglocken und das sanfte Säuseln des Windes die einzigen Geräusche, die mir zu Ohren drangen. Ich hielt einen Moment inne und ließ meine nun völlig wachen Augen über die umliegende Landschaft schweifen. Einige tiefe Atemzüge später, zog ich meine mittlerweile sehr mitgenommenen, doch immer noch tauglichen Wanderschuhe an; aß ein paar Nusskekse und schnappte mir meinen Rucksack. Mit euphorischen Schritten ging es nun los.




Nachdem ich das Hotel Klausenpass hinter mir gelassen und die ersten Meter relativ entspannt überwunden hatte, begannen die Gipfel in einem Purpurrot zu glühen. Ich zückte meine Kamera zum ersten Mal an diesem Tag, denn diesen Moment galt es auf Bildern festzuhalten. Es war einer dieser Momente, in denen ich mir jedes Mal vorstellte, dass Gott selbst die Landschaft mit Farben zeichnet, die wir anhand unserer Mittel niemals wiedergeben können. So sehr wir es auch versuchen, so sehr wir auch tüfteln und mischen, unsere Farben werden dem wirklichen Original niemals das Wasser reichen. Und so sehr ich mich daheim über die entstandenen Bilder freue, bleiben sie lediglich ein Hauch von dem, was wir nur mit eigenen Augen erleben können. Denn schlussendlich gründet die Freude an meinen Bildern einzig und allein in der Begegnung, die ich in diesen Momenten erleben durfte; der größte Künstler von allen naht sich uns; durch sein Kunstwerk und gibt uns die Möglichkeit, tiefer zu blicken. Denn mit offenem Herzen und unverfälschtem Blick; kann ein jeder erkennen, was die Intention des Schöpfers ist: Liebe, offenbart durch sein Kunstwerk.



Nun ging es hinauf zum Balmer Grätli, wo mich ein Erlebnis erwarten sollte, das mir noch lange in Erinnerung bleiben wird. Entlang einiger Serpentinen blieb ich einige Male stehen, nicht nur um Luft zu schnappen, sondern auch um passende Motive zu suchen, was bei solch einer Kulisse keine allzu schwere Übung war. Mein Blick blieb an einer Gruppe "Grauen Alpendosts" hängen, deren Blüten nicht weniger glühten als die Gipfel der nun fast "brennenden" Berge. Als Vordergrund in meiner Komposition wirkten die Blumen wie ein sanfter und zugleich glühender Teppich. Mit einigen gelungenen Bildern im Kasten, zog es mich weiter den Hang hinauf, wo ich bereits den Wegweiser am Grat thronen sah. Es dauerte nicht mehr lange, da stand ich auf der selben Ebene. Vor mir taten sich nun zwei Welten auf. Auf der einen Seite erblickte ich das Hotel Klausenpass, wo vermutlich in diesem Moment der Morgenkaffee gebrüht wird, und mein winzig wirkendes Auto, das ich an der sich durch die Landschaft schlängelnden Passstraße geparkt habe. Auf der gegenüberliegenden Seite erstreckte sich eine Szenerie, die wirkte, als sei ich der erste Mensch, der sie zu Gesicht bekommt. Ich konnte nicht anders, als mich einige Schritte von meinem eigentlichen Weg ab und geradewegs hinein in diese scheinbar unberührte Szenerie zu begeben. Augenblicklich verstummten alle Geräusche. Das Tosen des im Tal liegenden Stäubifalls und das Brummen der Sportwagen auf der Passstraße. Ja selbst der Wind stand für einen Moment still. Das erste Licht des Tages legte sich wie goldene Tücher über Berg und Tal. Eine Szenerie, von Künstlerhand geformt. Und wir sind Teil dieses Kunstwerks. Ein tiefer Friede erfüllte mich. So blieb ich einige Minuten stehen.



"Nun aber weiter, Janek. Bevor das Licht zu harsch wird", sagte ich mir. Ich begab mich zurück auf meinen eigentlichen Weg und lief weiter entlang des Grates, wo ich von einem Schwarm Steinschmätzern eine Zeit lang begleitet wurde. Diese kleinen Vögel bekam ich nur in ihrem Flug zu Gesicht, denn am Boden waren sie zwischen den Felsen bestens getarnt. Sie verschmolzen regelrecht mit ihrem Umfeld. Eine schöne Vorstellung; eins zu sein mit der Schöpfung, und das sollte für uns eigentlich auch eine Selbstverständlichkeit sein, da wir doch ein Teil von ihr sind. Im nächsten Moment zog ein markanter Felsvorsprung meinen Blick auf sich. "Das würde ein super Fotomotiv abgeben." Sagte ich mir zuversichtlich. "Ich im rechten Drittel, stehend auf dem Vorsprung und die Landschaft im Hintergrund als Umrahmung." Gedacht, getan. Ich packte das Stativ aus, das mich schon auf so vielen Touren und durch alle möglichen Landschaften begleitet hatte. Ein treuer Freund ist es immer gewesen. Ein paar Feinjustierungen und Bildkompositionen später waren die Bilder im Kasten und ein glücklicher Janek ging seinen Weg weiter. Die Sonne stand schon höher und das Gold wandelte sich in ein warmes und sanftes Gelb und auch die tiefer liegenden Wiesen, die von Wildblumen nur so erstrahlten, wurden nun vom Licht des neuen Tages erwärmt. Vorbei an Hauswurz und Glockenblumen und einem Perlmutfalter, der sich von der Kraft der Sonne erwärmen ließ, ging es für mich nun bergab in Richtung Ruosalper Seeli. In der Ferne sah ich eine kleine Gruppe von drei Personen, die gerade am Seeufer ihre Schlafsäcke zusammenpackte, um sich vermutlich auf den Heimweg zu machen. Wie sich später herausstellen sollte, war es ein Vater mit seinen beiden Söhnen. Echt lobenswert, wenn Väter ihre Kinder mit auf solche Abenteuer nehmen und ihnen die Natur näherbringen. Am See angekommen wartete eine schöne Überraschung auf mich. Am Ufer breitete sich ein samtig-weicher Teppich entlang der Wasserkante aus. Es waren unzählige Wollgräser; eine Pflanzenart, die ich schon lange einmal mit eigenen Augen sehen wollte. Der flauschige Teppich sah so weich aus, dass ich mich am liebsten rücklings hineinfallen lassen würde. Auch hier hielt ich diese erheiternde Erfahrung auf Bildern fest. Es verging einige Zeit die ich mit Staunen, Geniessen und Fotografieren verbrachte. Während ich durch das mit Raureif überzogene Gras stapfte und verträumt auf das ruhige und spiegelglatte Wasser blickte, wagte sich die Sonne nun hinter dem Grat hervor, um auch noch die letzten im Schatten liegenden Flecken zu erwärmen. Ich suchte mir ein lauschiges Plätzchen mit Blick auf das Tal, packte mein Proviant aus, aß und trank und schloss für eine Weile die Augen. Nach dieser Stärkung durchstreifte ich noch eine Weile die Umgebung und machte mich anschliessend auf den Rückweg. Ich nahm die selbe Route wie zuvor und doch boten sich mir immer wieder Perspektiven, die mir am frühen Morgen nicht ins Auge fielen. Das bestärkte mich wieder einmal, beim Fotografieren und auch beim Wandern gelegentlich einen Blick zurückzuwerfen. Während meines Aufstiegs tat es mir die Temperatur gleich und stieg ebenfalls an, was mich aber in keinster Weise störte, denn es war erstaunlich frisch gewesen, an diesem Morgen. In der Wärme des frühen Mittags wurden die Felder und Wiesen vermehrt mit Leben gefüllt, denn es erwachten nun allerhand Insekten aus ihrem Schlaf. Ameisen gingen fleissig ihrer Arbeit nach, ein Grashüpfer sprang wie ein Athlet über den Wanderweg und auch die Grillen begannen, mir ihr schönstes Lied zu spielen. Es war ein angenehmer Weg hinunter ins Tal, auch wenn es mich einige Male beinahe zu Boden riss, was, um ehrlich zu sein, weniger der Beschaffenheit des Bodens und viel mehr meiner sinkenden Aufmerksamkeit geschuldet war. Meine Gedanken waren bei all den Erlebnissen des heutigen Tages und auch schon zum Teil daheim, beim Bearbeiten der Fotos. Doch nichtsdestotrotz kam ich schliesslich auf befestigtem Grund an und mein Auto lag nur noch einige Gehminuten entfernt. Die Gegend war nun um einiges belebter. Ein Bauer reinigte, mit Pfeife im Mund, seine Hofeinfahrt, die ersten Wanderer begannen ihren Aufstieg und auch die Passstrasse füllte sich mehr und mehr. Am Auto angekommen öffnete ich den Kofferraum, setzte mich auf den Rand der Ladefläche und wechselte von Wanderschuhen auf lockere Sneaker. Alles eingepackt und bereit für die Fahrt saß ich noch eine Zeit lang einfach da und liess den Morgen Revue passieren. Angefangen beim Blick ins Tal vom Parkplatz aus, über das Purpurrot der glühenden Berge bis hin zum samtig weichen Wollgras, in dem ich in Gedanken immer noch lag. Ich startete das Auto und fuhr mit einem ganz bestimmten Gedanken heimwärts. "Ich komme wieder, du schöne Landschaft."










 
 
 

1 Kommentar


Joachim Kretschmann
Joachim Kretschmann
14. Sept.

Eine traumhaft schöne Tour, und gleich zwei Mal gezeichnet, mit poetischen Worten und professionellem Bildmaterial. Grandios! Weiter so!!!

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